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23 March 2017 Book review
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Abstract

Version of record first published online on 23 March 2017 ahead of inclusion in April 2017 issue.

Gut ein Jahrhundert nach der Publikation der Rubiaceae in Gustav Hegis ,Flora von Mittel-Europa‘ (Hegi 1914: 196-232) haben Arndt Kästner, ehemals Professor im Wissenschaftsbereich Botanik der Sektion Biologie an der Pädagogischen Hochschule Halle-Köthen, und Friedrich Ehrendorfer, bis 1995 Vorstand des Instituts für Botanik und Direktor des Botanischen Gartens der Universität Wien, die dringend notwendige Neubearbeitung der Familie für das Gesamtwerk vorgenommen. Gemeinsam mit ihnen hat Eckehart Jäger, bis 1999 Professor für Spezielle Botanik und Morphologie und Direktor des Instituts für Geobotanik und des Botanischen Gartens an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, als der verantwortliche Herausgeber des Bandes (in der alten Zählung Band VI/1, in der neuen Zählung Band VI/2B) die Neugestaltung mit der dazu erforderlichen Einbeziehung der seither erschienenen Primärliteratur sowie unveröffentlichter Beiträge und Illustrationen zahlreicher Fachkollegen wissenschaftlich auf den Weg gebracht.

Die Neuauflage ist eigentlich die Abbildung eines Prozesses, der sich bis zur endgültigen Veröffentlichung über mehr als zehn Jahre erstreckte: allein die schon 2006 entworfenen Verbreitungskarten für einzelne Taxa mussten in den Folgejahren öfter ergänzt und korrigiert werden. Die wünschenswerte gründliche Neubearbeitung der meisten Karten hätte das Erscheinen des Werkes aber weiter verzögert. Die (partielle) Aktualisierung des Verbreitungsbildes kann der Nutzer selber vornehmen, indem er die elektronisch frei zugänglichen Deutschland-Karten im ,Floraweb‘ (Bundesamt für Naturschutz 2000+) vergleichend hinzuzieht.

Das (nicht paginierte) persönliche Vorwort des Herausgebers bringt es auf den Punkt: ”In vieler Hinsicht setzt der Band neue Maßstäbe. Sowohl die allgemeinen Teile als auch das taxonomische Konzept, alle Schlüssel, Beschreibungen und Abbildungen wurden neu erarbeitet“. Auch das Bearbeitungsgebiet der Flora wurde erweitert, so dass nun ganz Polen, der ganze Südalpenrand einschließlich der französisch-italienischen Südwestalpen sowie Randgebiete der Slowakei, Ungarns, Frankreichs und der Niederlande abgedeckt werden; die Ausklammerung Ostbelgiens (Eupen, Malmedy, St. Vith) und Nordschleswigs (Südjütlands), die zu Zeiten der Ersten Auflage mit einbegriffen waren, erscheint dabei allerdings (außer durch die politischen Entscheidungen des Jahres 1920) unbegründet (und passt für die Gesamtregion Schleswig auch nicht so recht zu der ausführlichen Kartierung von Galium sterneri Ehrend, und G. valdepilosum subsp. slesvicense (Hyl.) Ehrend. auf den Seiten 223 und 231). Die so umschriebene Erweiterung führt indes zur Berücksichtigung von Asperula orientalis Boiss. & Hohen., A. rupicola Jord., Crucianella angustifolia L., Galium corrudifolium Vill., G. cracoviense Ehrend., G. debile Desv., G. divaricatum Lam., G. obliquum Vill., G. pseudoaristatum Schur, G. pseudohelveticum Ehrend., G. pusillum L., G. saxosum (Chaix) Breistr. und G. tenuissimum M. Bieb., welche sämtlich erst knapp außerhalb des klassischen Bearbeitungsgebietes des ,Hegi‘ Vorkommen. Hier wurde freilich das ebenfalls südwestalpische G. tendae Rchb. f. ausgelassen, das zwar kartiert ist (S. 264, Abb. 125), aber einer textlichen Abhandlung entbehrt, die für das Verständnis der G. baldense-Gruppe innerhalb von G. sect. Leptogalium Lange vielleicht nützlich gewesen wäre.

Ein besonderer Wert der Neubearbeitung liegt in den von Arndt Kästner neu gezeichneten Abbildungen: Für jede Art wird die Wuchsform der gesamten Pflanze, dazu Details der Stängel-, Blatt-, Blüten- und Fruchtstruktur in einheitlicher, vergleichbarer Manier dargestellt. Neu ist auch ein Anhang (S. 305-324) von 19 Farbtafeln, die leider in der Farbgebung (bzw. im Druckergebnis) einen recht mediokren Eindruck machen, aber dennoch zur habituellen und standortkundlichen Orientierung des Lesers bei wenig bekannten Taxa beitragen. Auf der Farbtafel XVIII (S. 323) sind allerdings die Bildnummern 3 und 4 zu tauschen, damit sie mit der Bildlegende übereinstimmen.

Der ,Allgemeine Teil‘ behandelt die Pflanzenfamilie der Rubiaceae bei aktuellem Kenntnisstand (Dezember 2014) in einer Ausführlichkeit, wie sie aufgrund des Strukturwandels in der akademischen Lehre schon heute Seltenheitswert besitzt und in Zukunft vielleicht mehr und mehr ,aussterben‘ wird. Thematisiert werden auf 50 Druckseiten in 20 Abschnitten - in gebotener Straffung, doch über den mitteleuropäischen Bezugsrahmen hinaus — Beschreibung, systematische Stellung und Gliederung, Artenzahl und Verbreitung, Fossilfunde und Sippenalter der Familie, ebenso Morphologie, Anatomie, Blütenökologie und Reproduktionssystem, Embryologie, Karyologie, Phytochemie und Ausbreitungsbiologie. Stoffsammlungen über Nutz- und Zierpflanzen in der Familie, Krankheiten, tierische und pilzliche Schädlinge und zusätzliche mythologische Konnotationen vervollständigen nebst eines profunden Literaturverzeichnisses zu den genannten Sachgebieten den Handbuch-Charakter und enzyklopädischen Wert der Gesamtbearbeitung.

Der ,Spezielle Teil‘ umfasst die Monographie der im weiteren Sinn mitteleuropäischen Rubieae mit den Gattungen (Artenzahl in Klammern) Asperula (7), Crucianella (1), Cruciata (3), Galium mit 10 Sektionen (43), Rubia (1), Sherardia (1) und Valantia (1), wiederum jeweils ausgestattet mit hilfreichen Literatur-Apparaten. Für alle Gattungen (bei Galium L. auch für die zehn im Bearbeitungsgebiet vertretenen Sektionen) wird einleitend über Verwandtschaft, Artenzahl, Abgrenzung und Gliederung informiert und ein Bestimmungsschlüssel für die relevanten Arten geboten. Die Abhandlung der Sippen auf Art- und Unterartniveau folgt einem standardisierten Schema von wissenschaftlichem Namen mit bibliographischem Zitat und etymologischer Erläuterung, den wichtigsten Synonymen mit bibliographischem Zitat, den deutschen (und nach Bedarf englischen, dänischen, niederländischen, französischen, italienischen, slowenischen, ungarischen, slowakischen, tschechischen, sorbischen, polnischen, litauischen und russischen) Vernakulamamen, sodann Angaben zur Standortpräferenz und zur pflanzensoziologischen Einnischung einschließlich, wenn bekannt, der ökologischen Zeigerwerte, zur Blütenund Ausbreitungsbiologie, zur Allgemeinen Verbreitung (Gesamtareal, in der Regel mit einer Arealdiagnose nach Meusel) und zur Verbreitung im (erweiterten, s.o.) Bearbeitungsgebiet sowie zur taxonomischen Verwandtschaft und Variabilität. Den Abschluss der Sippenkapitel bilden Hinweise zum Artenschutz, meist regional und nach Gefährdungsursachen differenziert. Die naturschutzfachlichen Hinweise sind in der heute üblichen ökosystemaren Diktion gehalten, die es zur Zeit der Vorgängerauflage noch nicht gab. Zur Rote-Liste-Art Galium trifidum heißt es dazu in der Neuauflage (S. 129) zum Beispiel lapidar und verwaltungstechnisch: ”Der Schutz dieser äußerst seltenen Art ist nur durch Biotoperhaltung zu gewährleisten“. Demgegenüber verlangte die 1. Auflage (Hegi 1914: 223) noch blutvoll: ”Galium trifidum ... ist eine recht seltene Pflanze und bedarf dringend der größten Schonung (auch seitens der Botaniker!), wenn sie nicht in Kürze ausgerottet sein soll.“ Es gibt die Art übrigens am damals einzigen mitteleuropäischen Fundort in den Seetaler Alpen (Steiermark) heute noch (dazu noch an einem erst 2007 entdeckten, ca. 55 km entfernten ebenfalls steirischen Fundort in den Gurktaler Alpen an der Grenze zu Kärnten, vgl. Mrkwicka & Vitek 2008), obwohl ,die Botaniker‘ die Pflanzen als Bestandteil mehrerer Exsikkatenwerke weiter munter sammelten, tauschten und verteilten, etikettiert mit den Bemerkungen ”rarissime“ oder ”locus in Alpibus unicus!“. Allein im Berliner Herbar (B), wo durch den Bombenangriff vom 1. März 1943 die damals dort vorhandenen Rubiaceen-Bestände verbrannten, liegen derzeit wieder durch Zugänge alter Herbarien vier historische Belege von G. trifidum aus den bei Mrkwicka & Vitek (2008: 322, Appendix 2) aufgezählten Besammlungen der disjunkten mitteleuropäischen Population dieser Art.

Ein Fragezeichen hinterlässt die Darstellung des Galium valdepilosum-Komplexes. Die Art setzt sich zusammen aus diploiden Populationen, die die letzte Eiszeit in Bayern, Niederösterreich, Böhmen, Mähren und Süd-Polen überdauert haben, sowie aus tetraploiden, etwas kräftigeren und größerblütigen Populationen, die im Postglazial durch die Ausbreitung nach Westen (bis zur Schwäbische Alb) und nach Norden (bis Jütland) zu einer Arealerweiterung führten (vgl. Ehrendorfer 1962: 145, 147 und Abb. 6). Warum der Status einer Unterart (G. valdepilosum subsp. slesvicense, s.o.) nur den dänischen Tetraploiden Vorbehalten sein und nicht die südlich davon nachgewiesenen deutschen, österreichischen und tschechischen Tetraploiden mit umfassen soll, bleibt unerklärt (und unerklärlich). Auch vermisst man ein Wort zu dem Autonym G. valdepilosum subsp. valdepilosum, das dann wohl auf die mehr südlich und östlich verbreiteten diploiden Reliktpopulationen anzuwenden wäre. Entsprechend unausgegoren erscheint die derzeitige ,Verwaltung‘ dieses Formenkreises in einflussreichen europäischen Datenbanken (Marhold 2011+).

Zwei kleine Druckfehler mögen zum Nutzen der Leser genannt sein: auf S. 129 in der rechten Textkolumne, 2. Absatz, muss es Çildirsee heißen (den Buchstaben ,Ģ‘ gibt es im Türkischen nicht), und auf S. 171 in der linken Textkolumne im Abschnitt über Variabilität und Verwandtschaft muss es zweimal Galium lovcense heißen (eine Galium-Art benannt nach dem Lovćen-Gebirge in Montenegro — dieses übrigens korrekt in der Legende zur Abb. 73 auf S. 174). Etwas störend (bis ärgerlich) ist in den digitalisierten Verbreitungskarten das fixe Auftreten von gestrichelten Linien in Elsass-Lothringen, vom Rheinland über Westfalen, Niedersachsen bis Brandenburg, in Ostfriesland, im rechtselbischen Norddeutschland sowie im östlichen Ungarn, die der Betrachter beim besten Willen nicht mit politischen oder naturräumlichen Grenzen in einen sinnvollen Zusammenhang bringen kann.

Insgesamt bringt der vorhegende Band unsere Kenntnisse über die Rubiaceen Mitteleuropas und seiner Randgebiete einen Riesenschritt nach vorn. Gleichzeitig werden — für heutige , Rote-Listen ‘-Zeiten empfindliche — Kenntnislücken entlarvt, wenn es zum Beispiel bei der 1957 beschriebenen punktendemischen Reliktart Galium montis-arerae Merxm. & Ehrend, noch nach 60 Jahren heißt: ”Blüten- und Ausbreitungsbiologie noch nicht weiter bekannt“ (S. 186). Dasselbe gilt für das taxonomisch und florengeschichtlich bedeutsame, ebenfalls lokalendemische Glazialrelikt G. cracoviense Ehrend. (S. 225) — insgesamt also ein dringender Appell an den akademischen, populationsbiologisch-basierten Artenschutz, hier unverzüglich forscherisch tätig zu werden!

Ein wörtliches Zitat aus dem Vorwort des Herausgebers Eckehart Jäger sei abschließend und zusammenfassend erlaubt: ”Ohne die Beteiligung von Friedrich Ehrendorfer, der schon seit über 67 Jahren mit vielen Originalbeiträgen zur Systematik der Familie und zur Evolution ihrer Arten beigetragen hat, wäre die Neubearbeitung nicht denkbar gewesen. Ihm ist es zu danken, dass der neueste Stand der Verwandtschaftsforschung umfassend geschildert wird, voreilige Umgruppierungen aber vermieden werden“.

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© 2017 The Author · This open-access article is distributed under the CC BY 4.0 licence
Thomas Raus "Book review," Willdenowia 47(1), 85-87, (23 March 2017). https://doi.org/10.3372/wi.47.47111
Published: 23 March 2017
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